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Verbrechen und Familie - Die umwerfend sympathische Autorin Vea Kaiser begeisterte beim Gunzenhäuser Erzählfest

Vea Kaiser ist eine Wucht. Die österreichische Bestseller-Autorin ist nicht nur eine „Gschichtldruckerin“, also eine, „der man schon als Kind nie was glauben konnte“, wie sie selbst sagt. Sie ist eine mitreißende Erzählerin, eine witzig-charmante Plauderin, eine klassisch gebildete, politisch hellwache Beobachterin – und eine herausragende Schriftstellerin. Wovon sich rund 75 Fans bei ihrer Lesung in der Stadt- und Schulbücherei überzeugen konnten.

Die Gunzenhäuser Buchhändlerin Ulrike Fischer und Büchereileiterin Carolin Bayer hatten die 30-Jährige, die heuer mit „Rückwärtswalzer – oder Die Manen der Familie Prischinger“ (Kiepenheuer &Witsch, 419 Seiten, 22 Euro) bereits ihren dritten Erfolgsroman vorlegte, für diesen Abend im Rahmen des Erzählfestes engagiert – und einen echten Volltreffer gelandet.

Wenn Vea Kaiser aus ihrem überaus gründlich abgenutzten Buch liest, ist das nämlich weit mehr als nur das Vortragen des einst selbst Geschriebenen. Denn gerade zwischen den sorgfältig ausgewählten und leidenschaftlich vorgetragenen Buchpassagen läuft die Wienerin zur Hochform auf.

Heirat so nebenbei

Sie schwärmt von einer gerade erst vor der Bücherei-Tür erlebten Fensterl-Szene („aber umgekehrt, zwei hübsche Madln standen unten der Bua am Fenster – ganz toll!“). Sie verrät grinsend, dass das Heiraten bei ihr „so nebenbei“ gegangen sei, weil sie vier Tage nach der Hochzeit ihren Roman beim Verlag abgeben musste: „Ich war bestimmt die entspannteste Braut der Welt, denn Tischkärtchen oder das Hochzeitskleid werden einem sowas von egal!“ Ihr Mann habe sie jedenfalls kurz vor dem Ja-Wort leicht verunsichert gefragt: „Bist Du eigentlich so glücklich, weil wir heirateten – oder weil das Buch fertig ist?“

Prinzipiell freilich sei „die Familie etwas ganz Wichtiges“ für sie, nicht umsonst spielten Familien in allen drei Romanen zentrale Rollen. Und mit ihrem strahlenden Vea-Kaiser-Lächeln fügt sie eine ihrer vielen gut gesetzten Pointen hinzu: „Ich stamme aus einer großen, lauten, wilden Familie aus Niederösterreich, und ich habe einen Süditaliener geheiratet – mit einer noch größeren, noch lauteren, noch wilderen Familie.“

Samtig weicher Dialekt

Während sie gut gelaunt und in einem samtig-weichen Austria-Dialekt die Hauptfiguren ihres Romans vorstellt (drei Schwestern, die ein Verbrechen begehenwerden, ihr Neffe
Lorenz, der Beihilfe leisten wird, und Willi, dessen letzter Wunsch das ganze wunderbar-chaotische Schlamassel verursacht), gewährt sie immer wieder Einblicke in ihr Leben.
Etwa, dass sie aus einer durch und durch sozialdemokratisch geprägten Familie stammt, die den früheren österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky verehrte: „Der hing bei
uns im Herrgottswinkel, obwohl meine Mutter Religionslehrerin war.“

Sie spottet über den „Titel-Wahnsinn“ in ihrer Heimat, den sie als Kompensation für die verlorene  Weltmachtstellung der einstigen k. u. k. Monarchie diagnostiziert, und erklärt mit unschuldiger Miene, aber unzweideutig gestenreich, dass ihr Gatte ein „Spatzidoktor“ ist, also ein Urologe, der sich, seiner Profession gemäß, bevorzugt des „Spatzis“ des Mannes annimmt.

Sie plaudert – aber sie verplaudert sich nicht. Souverän hat sie ihr Publikum und den virtuos auf zwei Zeitebenen spielenden Roman Romanstoff im Griff, charakterisiert ihre schrulligen Protagonisten ebenso liebe-wie humorvoll und weckt so ganz offensichtlich in vielen der höchst amüsierten Zuhörer eine beträchtliche Leselust.

Die füttert sie am Ende noch mit einer köstlichen Episode aus der verrückten Reise der drei Schwestern und ihres Neffen nach Montenegro. Das Quartett macht sich nämlich mit dem plötzlich verstorbenen, sorgfältig tiefgefrorenen Willi auf dem Beifahrersitz, im Fiat Panda auf, um ihn in der früheren Heimat würdig zu begraben. Eine skurrile Idee, die freilich, wie Vea Kaiser in der finalen Gesprächsrunde beteuert, von einem realen Fall inspiriert ist („können Sie googeln“).

Unermüdlich sprudelnd verrät sie auf Nachfrage, wie sie ihre Lust an der Schriftstellerei entdeckt hat (ihr nach einem Unfall stark blutender Bruder und ein Wettbewerb, an dem sie mit 14 teilnahm, spielen maßgebliche Rollen), welche Ziele sie sich derzeit gesteckt hat („dem Hund beibringen, dass er im Bett nichts verloren hat“) – und ob sie weiter Romane schreiben werde: Ja, sie habe da eine Idee, aber davon wolle sie gar nicht so viel erzählen, denn: „Da werden Sie sicher sagen: Des wird a Schaaß!“ Witzig, charmant, intelligent – und auch noch wunderbar selbstironisch: eben einfach eine Wucht, diese Frau.

Jürgen Eisenbrand

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Altmühl-Boten

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